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Pressespiegel // OZ 07. dezmber 2006
Pflege steht vor dem Kollaps
Experten warnen: Durch die Gesundheitsreform droht akuter Notstand und Personalabbau.
Berlin (OZ) Die Pflegesituation in Deutschland – in den 2100 Krankenhäusern wie in der ambulanten und stationären Pflege – wird infolge der anstehenden Gesundheitsreform immer dramatischer.
Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates Marie-Luise Müller fürchtet, dass durch den Sparkurs allein in Krankenhäusern deutschlandweit 30 000 Stellen wegfallen. Die Qualität der Pflege stehe auf dem Spiel. „Wir sind im Grenzbereich der Belastungen“, sagte Müller gegenüber der OZ.
In der Krankenhauspflege „schwelt ein Flächenbrand“, bestätigt Wolfgang Gagzow, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern. Die 35 Kliniken im Land mit 20 000 Mitarbeitern und rund einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr müssen im Zuge der Gesundheitsreform 2007 etwa 80 Millionen Euro sparen. Dazu kommen Mehrbelastungen durch höhere Mehrwertsteuer und Arztgehälter sowie per Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie. Die meisten Häuser seien gezwungen, weiter Pflegepersonal abzubauen.
Durch die verschärften Probleme in Krankenhäusern steigt auch der Druck auf die ambulante und stationäre Alten- bzw. Behindertenpflege, befürchtet Pflegerats-Chefin Müller. Auch dort sei das Belastungslimit längst erreicht. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es gut 50 000 pflegebedürftige Menschen, die in 216 Pflegeheimen oder von 400 ambulanten Pflegediensten betreut werden. Weitere 22 500 Menschen werden allein von ihren Angehörigen betreut.
Schon heute, erklärt Müller, bekommen Patienten wie deren Angehörige die Nachteile enormer Arbeitsdichte zu spüren: weniger persönliche Zuwendung und Fürsorge. Obwohl der Bedarf an professioneller Pflege steige, soll beim Personal weiter drastisch gespart werden. Dabei wurden schon 2003 bis 2005 bundesweit 35 000 Pflegekräfte abgebaut – gut zehn Prozent der in Krankenhäusern tätigen Pfleger und Pflegerinnen.
Standen 2003 je 1000 Pflegefällen in den Krankenhäusern noch 18,4 Pflegekräfte zur Verfügung, so sind es heute im Schnitt nur noch 16,4. Unter dem Spardruck der Gesundheitsreform könnten bis Ende 2008 weitere 30 000 Pflegekräfte in Krankenhäusern auf der Strecke bleiben. Pfleger und Pflegerinnen dürften nicht die Melkkühe der Gesundheitsreform werden, warnt Müller.
Die Chefin des Gesundheitsausschusses des Bundestags, Martina Bunge (Linkspartei), verlangt wegen des drohenden Pflegekollapses, die Gesundheitsreform zurückzuziehen. Sie löse kein Problem, sondern schaffe nur neue.
REINHARD ZWEIGLER
http://www.ostsee-zeitung.de/archiv.phtml?Param=DB-Artikel&ID=2534822 |